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</paste=Originalität>

(Text folgt)

 

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Felix Stalder schreibt in seinem Text "Who's afraid of the (re)mix? Autorschaft ohne Urheberschaft":


"In einer solchen Perspektive wird die Frage nach Originalität bedeutungslos. Im Chaos globalisierter, digitalisierter Kultur nach dem Ursprung zu suchen, gleicht in einem Sturm danach zu fragen, welcher Schmetterling ihn nun ausgelöst habe. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Möglichkeiten mehr gibt, Unterschiede festzustellen. Nicht alles ist gleich. Nicht alles ist interessant. Nicht alles ist wertvoll. Nur dass an die Stelle der Frage der Originalität die Frage der Authentizität tritt."

 

Jungle World schreibt:

 

"Wer unnostalgisch Musik hören oder Filme sehen möchte und wer sich an Produkten stört, deren hervorstechendes Merkmal das vollkommene Fehlen von Originalität ist, hat es hingegen nicht nur schwer, anderweitig fündig zu werden. Er steht als hoffnungslos antiquierter Modernist da, »in derselben Position wie die rückwärtsgewandten Musiker, deren Originalität er in Frage stellt«, wie Reynolds in einer Rezension seines Buches in der Zeit getadelt wird, oder gar als »Konservativer«, wie The Nation über Reynolds befindet. Denn das Beharren darauf, dass sich ein kulturelles Erzeugnis durch eine irgendwie originelle Idee auszuzeichnen habe, gilt der postmodernen Denkweise als mit der Macht im Bunde, als bürgerlich, männlich und in einem naiven Fortschrittsglauben befangen. Dafür wurde die gähnende Langeweile zum heißen Scheiß geadelt. Seither wird in immer kürzeren Abständen eklektizistischer Sampling- und Zitatebrei serviert. Und während früher Aufgewärmtes zumindest in eine neue Verpackung gehüllt wurde, gibt es nun nur noch Wiedergekäutes."

 

The Cynical Musician schreibt in seinem Blog:

 

"Is it possible to be completely original – in the sense of making no use of anything that has been done before – whilst keeping the volitional element (that is: without resorting to randomness)? I believe that it is, although it may not be a worthwhile goal.

A truly original creative work would be a message comprehensible only to the sender, in a very strong sense. In order to fully abandon prior work, the creator would need to invent both the syntax and the semantics. This is not only very hard, but also self-defeating: any notion of communication between the creator and the audience would be destroyed and the question of creative skill (and thus, originality) would become a moot point. (...) When we begin to look at creativity as communication, the need for shared context (and thus: building on existing culture) becomes obvious. If we have no context in common, we cannot communicate. Basis in context gives the creative work a meaning that is comprehensible to the audience. This need for contextual grounding is present in both the form (syntax) and the content (semantics)."

 

Und weiter hier:

 

"Creativity implies introducing novelty, but the further you go from the recognizeable, the bigger the chance of failure. Thus, the majority of successful creators remain more or less firmly rooted in contemporary styles. Occasionally, one of them may manage to open new avenues by introducing the audience to new stylings or methods of creation. As these are adopted by a new wave of creators, they gradually become the new mainstream (consider the evolution of hip hop since the Eighties). Thus culture advances. Originality thus rests on introducing novelty while still retaining recognizeability. Introduce too much novelty and you’ll lose the audience, no longer able to keep up. Too little novelty and you’ll be labelled as derivative and thus boring. It’s a sliding scale, since there’s no line determining just how much novelty constitutes an original work. (...)

If the original creator is constrained by the need for his work to still remain comprehensible, the remixer counts on the fact that using previously popular works will also make his work popular. Perhaps stringing bits of recordings together in a previously unknown fashion is the extent of his ability to introduce novelty (this is most often the case with the amateur, whose ability to create music does not greatly exceed copy/paste). There is some creativity there, but it is of a lesser kind. Nor does it advance culture very much, since all the novelty is focused on reinterpreting that which is already known. Recycling may allow us to find new uses for something we already felt was fully exploited, but at the end of the day we’ll still be going through same-old, same-old. Thus, if we look at the matter from a policy perspective (the argument is articulated with regards to copyright, remember?), we should ask whether we want to encourage the exploration of new avenues in creativity or whether we’d prefer that “creators” focus on reworking the creativity of yesterday. The latter is always the safer course, but the former is where progress occurs."

 

Terry Hart auf "Copyhype":

 

(Text folgt)

 

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(Text folgt)

 

Karl Nikolaus Peifer:

Rechtswissenschaftler an der Universität zu Köln.

Felix Stalder:

Schweizer Internettheoretiker mit Fokus auf Remix-Kultur und Fragen der Originalität.

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</paste=Das ist originell, was hier gerade stattfindet>

(Text folgt)

 

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Simon Reynolds schreibt: "Ja, Originalität ist möglich!":

 

"Stehlen und Speichern ist leicht. Der viel schwierigere – und immer noch geheimnisvolle – Schritt ist die Umwandlung des geliehenen Materials. Die Rekreativität hat für diesen Schritt keine Erklärung, für den Teil, an dem das Genie ins Spiel kommt. Es kommt nicht darauf an, dass oder wie gestohlen wird, sondern darauf, was mit dem Gestohlenen angestellt wird: der Dreh, der "etwas neu macht" (um die modernistische Aufforderung Ezra Pounds, "make it new", etwas zu verdrehen, der selbst ein wichtiger Vertreter von Zitat und Anspielung war). Kennzeichen oder Nachweis des Genies ist nämlich nicht nur das Übermitteln oder Remixen; sondern das Erschaffen von etwas, das andere jetzt oder in Zukunft stehlen wollen."

 

In der Jungle World sinniert Markus Ströhlein über die Wiederverwertungsmühlen des Pop:

 

"Wer unnostalgisch Musik hören oder Filme sehen möchte und wer sich an Produkten stört, deren hervorstechendes Merkmal das vollkommene Fehlen von Originalität ist, (...) steht als hoffnungslos antiquierter Modernist da, »in derselben Position wie die rückwärtsgewandten Musiker, deren Originalität er in Frage stellt«, wie Reynolds in einer Rezension seines Buches in der Zeit getadelt wird, oder gar als »Konservativer«, wie The Nation über Reynolds befindet. Denn das Beharren darauf, dass sich ein kulturelles Erzeugnis durch eine irgendwie originelle Idee auszuzeichnen habe, gilt der postmodernen Denkweise als mit der Macht im Bunde, als bürgerlich, männlich und in einem naiven Fortschrittsglauben befangen. Dafür wurde die gähnende Langeweile zum heißen Scheiß geadelt. Seither wird in immer kürzeren Abständen eklektizistischer Sampling- und Zitatebrei serviert. Und während früher Aufgewärmtes zumindest in eine neue Verpackung gehüllt wurde, gibt es nun nur noch Wiedergekäutes."

 

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(Text folgt)

Mouse on Mars:

Jan St. Werner und Andi Thoma brauen geschmackvollen Kaffee und produzieren noch bessere elektronische Musik.

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</paste=Ich krieg den Blues, wie Gary Moore>

Für Mashpussy ist der Gerichtsstreit um Gary Moores Song "Still got the blues", den er angeblich von der obskuren Krautrock Band "Juds Gallery" geklaut haben soll, ein Paradebeispiel für ein rückwärtsgewandtes Urheberrecht. Moore wird verdächtigt, für seinen großen Hit "Still Got The Blues" Jürgen "Judy" Winters Komposition "Nordrach" von der weithin unbekannten deutschen Krautrockband Jud’s Gallery plagiiert zu haben. Nachweislich ist das Stück ein einziges Mal vom Südwestfunk im Radio gesendet worden, wer weiß, vielleicht war Gary Moore zur Sendezeit gerade in der Gegend? Das zuständige Landgericht in München hält das zumindest für möglich und gibt Winter 2008 Recht." (Link) Mashpussy kommentiert das wie folgt:

 

"Die meisten von euch KünstlerInnen sind noch nicht einmal im Copy-Zeitalter angekommen. Ihr lamentiert noch über illegale Kopien, über File Sharing und Umsonstkultur. Das Urheberrecht zwingt euch in einen Wettbewerb um Originalität. Jeder gegen jeden. Urheber gegen Urheber. Eifersüchtig bewacht ihr eure geistigen Schöpfungen und beäugt argwöhnisch jeden Mitstreiter als potentiellen Dieb und Spion, der es nur auf euer sogenanntes geistiges Eigentum abgesehen hat. Als Einzelkämpfer habt ihr es nie gelernt, eure Ideen und Werke zu teilen und in einen gemeinsamen Pool an Kreativität zu geben. Unsere Kultur ist anders: das Teilen ist für uns selbstverständlich, wir begreifen uns als Gemeinschaft, in der wir alle auf den Ideen der anderen aufbauen. Wir schaffen unser eigenes Archiv, mit freien Lizenzen wie Creative Commons und ohne eure Urheberrechtsketten. Ihr habt die Wahl: bleibt Teil eines alten Systems und seht dabei zu, wie es von der digitalen Evolution abgeschafft wird, oder macht euch locker und teilt eure Werke – denn Information will frei sein und dagegen könnt ihr euch nicht wehren."

 

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Christiane Müller schreibt auf Telemedicus zum Urteil:

 

"Das Gericht stellte eine "frappierende" Übereinstimmung beider Stücke fest. Eine Übernahme der Melodie durch das jüngere Werk liegt also nahe. Gary Moore behauptet jedoch, "Nordrach" nicht gekannt zu haben. Der Song wurde auch nie auf Tonträgern veröffentlicht, sondern nur auf Konzerten und jedenfalls einmal im Radio gespielt. Damit kommt zumindest theoretisch eine sog. zufällige Doppelschöpfung in Frage: Es ist nicht vollkommen undenkbar, dass zwei nahezu identische Werke unabhängig voneinander entstehen. Im vorliegenden Fall hält das Max Fellmann in der Süddeutschen Zeitung sogar für absolut naheliegend. Er analysiert die hier streitige Kadenz als "Klassiker" in der Musikgeschichte, die in vielen Stücken immer wieder auftaucht."

 

Bernd Klein schreibt auf seinem Blog "Urheberrecht in der Musik":


"Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Moore diesen Titel wirklich gehört und über einen solchen Zeitraum gespeichert hatte. Aber nehmen wir an, dass dies so sei, wie es das Gericht sah. Wie sieht es mit den besagten frappierenden Übereinstimmungen aus? Die Süddeutsche Zeitung umschreibt das Urteil sehr treffend als "eine Farce in Akkorden". Max Fellmann der Autor des Artikels schreibt, dass sich die verwendete Akkordfolge (Kadenz), also D-Moll / G-Dur / C-Dur / F-Dur / H vermindert / E-Dur / A-Moll, in allen möglichen Transpositionen und Variationen, quer durch die Musikgeschichte, in der Kirchenmusik, bei Bach, bei Schubert, im Jazz, in der jüngeren Popmusik finden lassen. "Und die Gitarrenmelodie, die in den beiden gerichtlich verglichenen Fällen darüber liegt, orientiert sich absolut simpel an Leittönen der Akkorde; für so etwas gibt es in der Harmonielehre Regeln, zum Beispiel im klassischen Chorsatz. Das lernen angehende Kirchenorganisten im ersten Jahr. Kurzum: nichts Besonderes. Wenn Gary Moore geklaut hat, dann bei ungefähr dreihundert Urhebern gleichzeitig. (...) Jeder Komponist sitzt prinzipiell auf einer Zeitbombe. Die Zahl der veröffentlichten musikalischen Werke steigt kontinuierlich an. Brauchte man zur Zeit von Jürgen Winter noch eine Veröffentlichung im Radio oder durch eine Plattenfirma - also eine relativ hohe Hürde -, genügt heute beispielsweise eine einfache Digitalkamera und ein Upload der eigenen Komposition bei YouTube. Die Chance, dass eine von Hunderttausenden bei YouTube und ähnlichen Plattformen veröffentlichten Musikstücken, Ähnlichkeiten mit einem aktuellen Hit aufweist wird in Zukunft nahezu 100 % sein. Ein Musiker kann sich dann nicht wehren, dass er das Werk nicht kannte, denn es war ja im Internet verfügbar. Wie im Falle Gary Moore wird man ihm dann unterstellen, aus dem Werk die Melodie unbewusst oder bewusst übernommen zu haben."

 

Dmytri Kleiner im "The Telekommunist Manifesto" (pdf):

 

"Copyright pits author against author in a war of competition for originality. Its effects are not just economic; copyright also naturalizes a certain process of knowledge production, de-legitimizes the notion of a common culture, and cripples social relations. Artists are not encouraged to share their thoughts, expressions and works, or to contribute to a common pool of creativity. Instead, they are compelled to jealously guard their ‘property’ from others who they view as potential competitors, spies and thieves lying in wait to snatch and defile their original ideas. This is a vision of the art world created in capitalism’s own image, a capitalism that seeks to appropriate the alienated products of its intellectual and creative workers."

 

Mashpussy:

Feministische Mashup-Künstlerin und Bloggerin, die sich für die freie Nutzung von Musik einsetzt.

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</paste=Auf den Schultern von Riesen>

Schon mal von Otsogistik gehört? Otsogistik ist eine wissenschaftliche Richtung, die vom amerikanischen Soziologen Robert K. Merton in seinem halb parodistischen Buch "On the Shoulders of Giants: A Shandean Postscript" entwickelt wurde. Das Akronym für "On The Shoulders Of Giants" ist OTSOG, und da der Aphorismus von den Zwergen auf den Schultern von Riesen im Laufe der Wissenschaftsgeschichte bis zur vollständigen Bedeutungsentleerung immer wieder aufs Neue zitiert wurde, liegt es nahe, von Otsogistik zu sprechen, sobald man sich mit der Wirkungsgeschichte des populären Gleichnisses beschäftigt. 

 

Die Otsogese beginnt bei Bernhard von Chartres, der um 1120 zum ersten Mal das Bild der auf den Schultern von Riesen sitzenden Zwerge verwendete und mit den Riesen die Gelehrten der Antike meinte,  für die er Bewunderung und Respekt ausdrückte, gleichzeitig aber auch zaghaft ein aufkeimendes Selbstbewußtsein des Mittelalters gegenüber den Giganten aus der Antike artikulierte. Von dort verläuft eine gerade Linie zu Isaac Newton, (Text folgt)

 

Was häufig vergessen wird: "Wir stehen auf Schultern von Giganten" bezieht sich auf Ideen, nicht auf Werke. (Text folgt) Heute ist man versucht zu glauben, dass die Verwendung des Aphorismus eher an Friedrich Nietzsche erinnert, der in "Also sprach Zarathustra" von einem Zwerg erzählte, der zwar auf den Schultern von Zarathustra zu Einsichten erhabener Größe gelang, diese aber auf das Mittelmaß seine eigenen Erkenntnisfähigkeit reduzierte. Und also sprach Zarathustra: "Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der Schulter, der Neugierige!"

 

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Jürgen Renn in seinem Buch "Auf den Schultern von Riesen und Zwergen":

 

"Anhand der spannenden Geschichte von Einsteins Entdeckungen wird nachvollziehbar, warum große Denker wie Einstein weiter gesehen haben als ihre Vorgänger. Sie standen nicht nur auf den Schultern von Riesen, also den wissenschaftlichen Leistungen einzelner großer Vorgänger wie Newton, sondern auch auf den Schultern von „Zwergen“, dem wissenschaftlichen Wissen, dem technischen Wissen, und dem Alltagswissen, das Generationen im Verlaufe der Menschheitsgeschichte angehäuft haben."

 

Simon Reynolds schreibt in der "Zeit":

 

"Der Reiz des "auf den Schultern von Riesen"-Arguments besteht zum Teil darin, dass es die Giganten kleiner erscheinen lässt: Die Leistungen eines großen Komponisten oder einer großartigen Band (so wie Led Zeppelin, eine Zielscheibe von Kirby Ferguson und Everything is a Remix) erscheinen weniger eindrucksvoll, wenn man darauf verweisen kann, wo sie sich bedient und was sie aufgegriffen haben. Das ist eine gleichmachende, pseudo-demokratische Geste."

 

Albrecht Fölsing schreibt in der "Zeit":

 

"Wenn Newtons Befindlichkeit „auf den Schultern von Riesen" hierzulande überhaupt zitiert wird, dann höchstens zur Illustration vorbildlicher Bescheidenheit, auch noch "der größten naturwissenschaftlichen Genies. Von dieser Illusion heißt es jedoch Abschied zu nehmen, denn, das Gleichnis findet sich in einem Brief Newtons an Robert Hooke, jenem nachmaligen Sekretär, der den meisten Zeitgenossen durch verbissene Streitereien um das Erstgeburtsrecht an geistigen Leistungen verbunden war. Einem solchen Prioritätenzwist dient auch das Gleichnis im Brief Newtons: Die Demut paart sich mit Arroganz, die den armen Hooke wissen läßt, daß er sich auf geringerem Niveau befinde.

Die ursprüngliche Form ist von Bernard von Chartres überliefert: „Ein Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht, sieht weiter als der Riese selbst.“ In diesem Aphorismus artikuliert sich zum ersten Mal das zaghafte Selbstbewußtsein des Mittelalters gegenüber den Riesen der Antike, und zugleich vermittelt das akrobatische Bild eine erste Ahnung von dem Gedanken des Fortschritts.

Mit wachsendem Selbstbewußtsein verschwinden die Zwerge, man steht auch ohne die Verkleinerung auf den Schultern von Riesen wie Newton oder mancher Spätere – und zugleich schärft der Aphorismus das Bewußtsein historischer Kontinuität, der Verpflichtung einer jeden Generation gegenüber ihren Vorgängern.

Wie der Huckepack-Aphorismus auch in der zeitgenössischen Diskussion immer wieder seine Produktivität erweist, mag die Definition eines bedeutsamen Unterschiedes illustrieren: „In den Naturwissenschaften steht jede nachfolgende Generation auf den Schultern derer, die vorangegangen sind, während in den Sozialwissenschaften jede neue Generation ihren Vorläufern auf der Nase herumtanzt.“

 

Michael Jäger schreibt in "der Freitag" unter dem Titel "Das Ich schöpft nie aus sich allein":


"Der Kreis derer jedoch, die sich unter dem Urheben die bloße Neukombination schon vorhandener Informationen vorstellen, kann nicht anders als groß sein, da sie dem großen Vorbild selber entspringt, der Informatik und Internet-Maschine, dieser Errungenschaft der Entwicklung der Produktivkräfte. Newton indes stand anders auf der Schulter des Riesen Galilei. In Galileis Fallgesetz die Bewegung von Himmelskörpern um einen Zentralkörper zu erkennen, war keine Neukombination vorhandener Bausteine. Was Newton Galilei verdankte, hatte nicht den Charakter eines Abrufs von Informationen.
Es gilt für jede Art von Kunst, dass ihr Zeitaufwand in keinem Verhältnis zum Entgelt steht. Der Grund ist, dass sie nicht mechanisch, algorithmisch oder nach einer Ableitungsmethode generiert werden kann, sondern einer Logik der sprachlichen Verschiebung folgt. 
Könnte man denn alle „Verwerter“ abschaffen, auch die blicklenkenden Internetunternehmen, ohne etwas Analoges an ihre Stelle zu setzen? Das ist unmöglich, denn das Ich, ob es nun vor dem Buch oder vor dem Bildschirm sitzt, braucht eine Art gesellschaftliche Beurteilung dessen, was man den „Geschmack“ genannt hat."

 

Nicholas Carr in seinem Blog "Rough Type":

 

"The problem with “the curatorial, informationalized model of art” is that it wants to reduce inspiration to derivation, allusion to citation, originality to recombination, art to data processing — and, yes, to make giants seem smaller. It’s a problem that has more to do with a misperception of talent than with a retrospective gaze."

 

Dirk von Gehlen:

Schreibt über Mashups, lobt die Kopie und arbeitet bei der Süddeutschen Zeitung.

Karl Nikolaus Peifer:

Rechtswissenschaftler an der Universität zu Köln.

Felix Stalder:

Schweizer Internettheoretiker mit Fokus auf Remix-Kultur und Fragen der Originalität.

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</paste=Ideen, oder: "Everything is a Remix"?>

Was sind Ideen? Und gibt es heute überhaupt noch neue Ideen? Bernd Graff zitiert in der SZ den britischen Evolutions-Biologen Mark Pagel, der behauptet, die Kopie habe Kreativität geräuschlos ersetzt. Denn man komme "einfach nicht mehr auf neue Ideen. Muss man ja auch nicht. Je mehr wir vernetzt sind, umso mehr können wir kopieren. Wir müssen nichts mehr erfinden, denn Google und Facebook lehren uns, dass neue Ideen leicht zu haben sind. Es könnte sogar sein, dass fügsame, gelehrige Kopisten jetzt erfolgreicher sind als diejenigen, die innovativ sind. Das hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben." Einige sind sogar der Meinung, dass die ganze Kulturgeschichte der Menschheit eigentlich nichts anderes als ein fortwährender Kopiervorgang ist, in dem Künstler sich aus einem Pool bestehender Ideen bedienen und diese neu zusammenmischen. Der Autor Austin Kleon treibt diese Vorstellung von Kreativität auf die Spitze, wenn er zu seinem Buch "Steal Like an Artist" sagt: 

 

"Nothing is completely original. All artists’ work builds on what came before. Every new idea is just a remix or a mashup of two previous ideas.”

 

Das Internet-Meme "Everything is a Remix" hat 2011 diese Auffassung popularisiert. In seiner Video-Reihe sagt Kirby Ferguson:

 

“Copy, transform and combine. It’s who we are, it’s how we live, and of course, it’s how we create. Our new ideas evolve from the old ones. But our system of law doesn’t acknowledge the derivative nature of creativity. Instead, ideas are regarded as property, as unique and original lots with distinct boundaries.”

 

Abgesehen von der falschen Annahme, dass Ideen urheberrechtlich schützbar seien (sie sind es nicht, nur der individuelle Ausdruck ist im Urheberrecht schützbar), basieren die Annahmen von Kirby und Ferguson auf einen Zirkelschluss. Wenn alles ein Remix wäre, dann verlöre der Begriff Remix seine Bedeutung und man stände wieder am Anfang des Versuchs, menschliche Kreativität zu erklären. Kleon und Ferguson verwenden den Begriff Remix in einem zu allgemeinen Sinn, denn dass Künstler von ihrem gesellschaftlichen Milieu inspiriert und beeinflusst werden, wird von niemanden in Frage gestellt. Wäre die kulturelle Gesamtschöpfung der Menschheit hingegen nur ein Remix vieler schon bereits existierender Ideen, stellt sich die Frage, wo all diese Ideen ihren Ursprung haben. Kreativität ist aber kein Nullsummenspiel. Hinter jedem Song oder jedem Film nur ein Plagiat zu sehen, verkennt die enorme kreative Leistung, die die Menschheit in den letzten Jahrhunderten erbracht hat.

 

Ideen lassen sich nicht einfangen, sobald sie in der Welt sind. Aus Ideen werden erst dann schützenswerte Werke, wenn Autoren oder Künstler einen individuellen Ausdruck finden. Die Suche nach diesem individuellen Ausdruck ist die kulturelle Arbeit, die Autoren und Künstler leisten – mit einem erheblichen Aufwand an Wissen, Erfahrung, Können und Zeit. Die dabei entstehenden Werke sind es, die zur Ideengeschichte der Menschheit jeweils einen kleinen Beitrag leisten. Alle Lieder, die von Menschen bisher geschrieben wurden, sind nur ein Tropfen im Ozean aller möglichen Lieder. 

 

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Mark Pagel im Online-Magazin Slate:

 

"A tiny number of ideas can go a long way, as we've seen. And the Internet makes that more and more likely. What's happening is that we might, in fact, be at a time in our history where we're being domesticated by these great big societal things, such as Facebook and the Internet. We're being domesticated by them, because fewer and fewer and fewer of us have to be innovators to get by. And so, in the cold calculus of evolution by natural selection, at no greater time in history than ever before, copiers are probably doing better than innovators. Because innovation is extraordinarily hard. My worry is that we could be moving in that direction, towards becoming more and more sort of docile copiers."

 

Rolf Silber über Remix:

 

'Alles ist ein Remix' – das klingt gut, hat aber am Ende oft den gleichen informationellen Erkenntniswert wie die Aussage „Jeden Morgen geht die Sonne auf“. Die Aussage ist unzweifelhaft richtig, sie kann im Einzelfall große Bedeutung haben und sie ist entsetzlich banal. Alle Menschen haben zwei Beine, so ie nicht verunfallt sind. Duh....?! Eine Selbstverständlichkeit die nichts klärt, die aber im Gewand einer universellen Erkenntnis sich zu tarnen sucht. Sie zur Grundlage eines neuen oder anderen, radikalen Kulturverständnisses zu machen, verbietet sich genauso, wie damit den freischaffenden Kreativen in letzter Konsequenz ihre Existenzgrundlage zu nehmen."

 

David Gunkel in seinem Artikel "Rethinking the digital remix":

 

"The record, not the remix, is the anomaly today. The remix is the very nature of the digital. Today, an endless, recombinant, and fundamentally social process generates countless hours of creative product (another antique term?) (...)The recombinant (the bootleg, the remix, the mash-up) has become the characteristic pivot at the turn of our two centuries (Gibson, 2005: 118)."

 

Nicholas Carr über den "Shock of the old":


"Reality Hunger was, it strikes me, a critique of the dismembering impulse that characterizes the remix cult: the desire to see an original work as only a patchwork of “sources.” In its most childish form, this desire manifests itself in a gleeful rush — all too common today — to see allusion as plagiarism; the critical faculty is overrun by the logic of the search engine. (If in listening to Led Zeppelin you’re only able to hear Robert Johnson, there’s not something wrong with Led Zeppelin; there’s something wrong with you.)"

 

Felix Stalder schreibt in seinem Text "Who's afraid of the (re)mix? Autorschaft ohne Urheberschaft":


"Bei genauerer Betrachtung besteht jede Idee, der Ausdruck aus einer Vielzahl bereits gedachter Ideen und gemachter Handlungen, jeder Ursprung verlagert sich zurück in den Nebel der Geschichte. Nicht weil er dort anzusiedeln wäre, sondern weil der Nebel mit zunehmender Distanz immer dichter wird und irgendwann mal die Sicht versperrt, was natürlich keineswegs bedeutet, dass der Weg dahinter nicht weitergeht. Die Idee des Anfangs, die Figur des Urhebers, die Behauptung, dass ein Werk gänzlich der Absicht des Autoren entspricht, ist brüchig geworden. Dies ist nicht eine neue Erkenntnis, sondern Grundlage postmoderner Theorie und ästhetischer Praxis seit den 1970er Jahren. (...)

Unsere Kultur ist geprägt von der Logik der Datenbank. Und das zwar einer offenen Datenbank. Alle können Objekte einfügen, und je nach Abfrage, kann alles neben allem stehen. Wir treffen heute immer mehr kulturelle Objekte an, deren Kontext weitgehend unbekannt ist. Jede Google Abfrage führt uns dieses Problem von neuem vor Augen. Die Frage nach dem Ursprung tritt hinter ein viel dringlicheres Problem zurück: eine Kontext herzustellen, für das, was wir antreffen. Damit können und müssen wir, ad-hoc, eine neue, spezifische Bedeutung für diese offenen und mehrdeutigen Dinge mit denen wir es andauernd zu tun haben. Bruno Latour spricht in diesem Zusammenhang von „Quasi-Objekten“, Dingen, die zwar bereits existieren, ihre Bedeutung und Funktion aber erst erlangen, wenn sie in konkrete Netzwerke eingepasst werden.

Everything is a Remix ist nicht nur der Titel eines erfolgreichen dokumentarischen Episodenfilms, sondern taugt auch als Kurzformel eines zeitgenössischen, populären Kulturbegriffs."

 

Der Berliner Produzent Stefan Goldmann über das vermeintliche Ende der Ideengeschichte:

 

"Das ist für mich ein Sport, gerade das vorzuführen, diese Behauptung, dass die Ideengeschichte abgeschlossen ist. Wenn man kleine Sachen findet, reicht es ja schon, um das ins Wanken zu bringen. Es ist ja nicht so, dass einem ständig kolossale Gestaltungsformen ganz neu aufgehen, es sind oft Kleinigkeiten, die ihren Reiz daraus gewinnen, dass sie so simpel sind, dass man es kaum glaubt, dass es noch keiner gemacht hat."

 

Jens-Christian Rabe in der SZ am 17.10.2011:

 

"Das genuien Neue wird so zu einem Nischenphänomen in einem Kosmos der Nischen. Das ist die radikale Realisierung des "Long-Tail"-Effektes. Der zersplitterte Markt lässt keine Massenphänomene mehr zu. Erst wenn der letzte Facebook-User beim Betrachten seiner Timeline voller Retromusik eingeschlafen ist, werden wir erkennen, dass neue Zeiten neue Lieder brauchen."

 

Steven Johnson in "Where Good Ideas Come From":

 

"Ideas are intrinsically copyable in the way that food and fuel are not. You have to build dams to keep ideas from flowing."

 

Konstantin Wegner in der SZ:

 

"Unser heutiges Urheberrecht basiert auf diesem Gedanken der Aufklärung: Das kreative Schaffen einer Person ist schützenswert. Gegenstand dieses Schutzes ist die "persönliche geistige Schöpfung", womit bereits das gesetzliche Kernanliegen zum Ausdruck kommt: die Geistesleistung als schutzwürdiges Gut, die kreative "Schöpfungshöhe" als Schutzvoraussetzung und die unauflösbare Verbindung des Urhebers mit seinem Werk, die ökonomische wie ideelle Interessen umfasst. Wenn mancher in der "Netzgemeinde" die Gefahr der Monopolisierung von Fakten, Ideen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen durch das Urheberrecht beschwört, dann ist dies populistischer Unsinn. Das Urheberrecht schützt den Ausdruck, den die Gedanken des Urhebers gefunden haben, die konkrete Form eines Werkes - aber eben nicht den Gedanken selber, die Idee oder die dem Werk zugrundeliegenden Tatsachen."

 

</read further> 

 

Michael A. Carrier: "Copyright and innovation: the untold story" 2012 (pdf)

 

Lawrence Lessig: "The Future of Ideas" 2001 (pdf, website, wiki)

 

Steven Johnson: "Where Good Ideas Come From" 2010 (Google Books, Verlag)

Moritz Eggert:

Komponiert zeitgenössische Musik, brilliert am Klavier und bloggt über Neue Musik.

Mouse on Mars:

Jan St. Werner und Andi Thoma brauen geschmackvollen Kaffee und produzieren noch bessere elektronische Musik.

Mashup Germany:

Ben Stilller a.k.a. Mashup Germany rockt die Clubs Deutschlands mit seinen Mashups.